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hungriges tagebuch:

  Leben, Alltag, und Essstörung ... (?)

Schreiben über sich selbst - Voyeurismus Anorexie - oder einfach nur ausbrechender Expressionismus?

Ich schreibe hier nun also über mein Leben. Eine Zeit lang hatte ich bereits ein anderes kleines Blog, ich habe aufgehört zu schreiben, weil ich erstens nicht mehr dazu kam und zweitens heute an einem anderen Punkt bin als ich es zu dieser Zeit war. Früher wollte ich nur eins: Abnehmen um jeden Preis. Mit der Zeit, bzw. sentimental ausgedrückt "mit den Jahren" verändert sich das offenbar. Auf einmal ist man älter, das Leben ist voll von Aufgaben und Pflichten. Das Abnehmen wird ohnehin schwieriger, da der Stoffwechsel sich an die häufige Nahrungskarenz und das Hungern gewöhnt hat. Wenn man nicht daueranorektisch ist und ein Gewicht über Jahre hält, sondern wie ich, mal abnimmt mal zunimmt, ist dieser Effekt verstärkt. Ich hatte zahlreiche Phasen, in denen ich gesund und normal sein wollte. Teilweise aus Angst vor gesundheitlichen Folgen, teilweise weil der Druck durch mein Umfeld zu hoch wurde, ich es einfach nicht mehr haben wollte, dass jeder etwas dazu sagt. Als ich zunahm änderte sich nichts. Rein gar nichts. Kommentare überall, nicht mal meine Obsttage hat man mir gelassen. Akzeptanz? Lob? Nö. Wofür dann? Dafür, dass ich ins Schema "normal" passe, gesunder angepasster Krankenversicherter ohne Probleme. Von außen guter Ernährungszustand - na, dann ist ja alles i.O. Von innen: Tobeseele. Das mag vielleicht nicht wie ein reifer Umgang mit Problemen klingen, aber vielleicht zeichnet sich nach ein paar weiteren Einträgen hier ab, was das alles wirklich für mich bedeutet. Warum ich so leben will, warum mir manche Dinge wichtiger sind als andere. Und warum "gesund" für mich nicht das Maß aller Dinge ist.

Und warum schreibe ich das hier?
Ich bin anonym. Ich bin irgendwer mit einer Störung. Ich glaube, ich will einfach nur meine Gedanken loswerden. Im Moment ist es nicht viel mehr. Vielleicht auch informativ, vielleicht kritisch gegenüber manchen Entwicklungen in der Presse aber auch in der "Szene" Pro Ana. Dazu aber später mehr. [...] Ihr könnt hier ein Stück weit mein Leben verfolgen, aber ich schreibe auch größtenteils einfach nur für mich selbst, um manches nicht zu vergessen, oder um darüber nachzudenken, wenn ich das selbst lese.

Viele Grüße an alle, die das lesen - ich wünsche euch einen schönen Mittwoch!

18.3.09 11:05


Donnerstag - 19.3.09

45,5 kg

. Knäckebrot
. 3 Kekse
. 1/2 Orange
. 1/2 Brot

19.3.09 00:32


Pro und Contra (Pro) Ana

In den Medien flackert die Diskussion um ominöse Hungerseiten ja immer wieder mal auf. Besprochen werden dabei u.a. der angebliche Kult um die Ana, die quasi das schlechte Gewissen einer jeden Anorektikerin darstellt und deren Verniedlichung im Web reihenweise 13-jährige Mädchen das Leben kostet. *hust* Wie dem auch sei. Ich selbst bin seit Jahren Mitglied in einem mehr oder weniger pro-eingestelltem Forum, war auch schon in anderen, manchmal radikaler, manchmal schon fast zensiert. Ich will versuchen, meine Erfahrungen in einer kurzen Liste zusammen zu fassen. Ich frage mich nämlich selbst (nein, wir sind nicht "alle" blind vor Hunger...), was mir das Forenleben bringt, und wovon es mich vielleicht auch abhält. Eine Bilanz nach 4 Jahren Forenmitgliedschaft:

Pro:

. keine oder nur wenig Zensur -> was um alles in der Welt soll es mir helfen, nur in blumigen Umschweifen über mein Gewicht zu reden? Genau deshalb war ich nie in Foren wie Hungrig Online et al. aktiv. Über meine Hobbies, mein Lieblingsgericht, den Alltag und andere Nebenthemen kann ich auch mit meinen Freunden reden. Dazu brauche ich kein Forum für Essgestörte, in dem Zahlen tabu sind. Zahlen gehören zu einer Essstörung, wie Luft zur Lunge.

. Gleichgesinnte finden: wenn auch anonym, man lernt eine Menge über den Umgang mit der ES. 

. gemeinsam vorankommen: ich will nicht zunehmen, aber wenn ich abnehmen will, weil ich das Gewicht nicht ertrage, wird das in der großen weiten Welt da draußen niemand verstehen. Allein bleibt allein. Es ist wohl auch ein Grund, wenn auch kein schöner. Aber ich mag so ehrlich sein. Foren triggern und es ist für mich ein Grund, da zu sein (wenn auch weit nach den beiden erstgenannten)

Contra:

. negative Gefühle werden manchmal verstärkt oder färben ab

. muss sagen, dass meine Kontrollzwänge seit der Forennutzung stärker wurden, in Bezug auf das Essen. Auf manche absurd krassen Ideen wäre ich allein vielleicht nie gekommen.

. FA-Anfälligkeit: manchmal ist es schon so, dass ich Hunger bekomme, wenn ich sowas lese... schwierig,...

. Pathologisieren: ich glaube, das vieles stärker gewertet wird in einem Forum, Beschwerden, Ängste, psychische Probleme. Es kann leicht zu größerer Angst führen, man fühlt sich noch schlechter... aber manchmal hilft es eben auch sehr, genau darüber zu schreiben...

. Alles virtuell: für mich kann ein Forum den Freundeskreis nicht ersetzen, aber... man verbringt sehr viel Zeit vorm Rechner, taucht in diese Welt ein, wo man sicher ist... gleichzeitig ist sie aber auch zerbrechlich, man will keinen seiner virtuellen Freunde kränken. Geschriebenes ist oft leichter zu formulieren, da besser überlegt als im direkten Gegenüber... aber ist es einmal geschrieben, steht es da - Hilfe! Kontrollzwang?! Wollte ich das wirklich so sagen?!

Fazit:

Ohne Forum fehlt mir etwas. Ich kann und will nicht ohne. Ich bin in einem eher kleinen Forum, wir halten uns keineswegs zum Hungern an, wir wiegen auch nicht alle unter 40, wie man z.B. an mir sieht. Wir sind, glaube ich, eine ganz nette kleine Familie und ich möchte aufgrund all der sozialen Pro-Punkte diese Gemeinschaft nicht missen. Dafür nehme ich manche negativen Impulse in Kauf. Wenn man niemandem sagen kann, dass man gerade fast platzt wegen einer halben Banane, ist es gut, das irgendwo schreiben zu können, wo niemand den Kopf schüttelt...

19.3.09 00:49


Abnehmen - was ist das?

45,5. Normal. Mehr als normal. Für mich. Ungewohnt, wenn ich ein halbes Jahr zurück denke. Ich habe fast normal gegessen. Mit dem Resultat, dass ich nicht zufriedener bin. Ewige Verbesserungswürdigkeit. Nein, ich benötige keine Ersatzbefriedigung. Mein Leben ist voll von Menschen, Kunst, Literatur und interessanten Beschäftigungen. Ich bin kein unglückliches Scheidungskind. Ich sammle keine Bilder von Topmodels. Ich will einfach nur nicht normal sein. Normal ist schlank. Schlank ist nicht dünn und dünn ist schon gleich gar nicht mager. Mager muss! Her damit.

Immer, wenn ich wieder an einem solchen Punkt angekommen bin, am Zenit der Frustration oder kurz davor, beginne ich, Masterpläne zu konstruieren. Wie viel kann man wohl in soundsoviel Wochen abnehmen. Lieber schnell oder langsam? Schnell bedeutet, dass man umso mehr Angst hat, zuzunehmen, diese aber einen auch vom Fressen abhalten kann. Langsam bedeutet viel Disziplin, dafür aber weniger Strafe bei kleinen Limitüberschreitungen... Beides ist im Endeffekt eine Frage der inneren Überzeugung. Ich bin mehr der radikale Typ: Hat man einmal die Motivation gefunden, muss man sie nutzen und zwar schnell. Ansonsten dauert es nicht lange, und man isst genauso viel wie zuvor. Meine Theorie... Im Übrigen hat sie sich nicht ein einziges Mal bewahrheitet. Die besten Ergebnisse erzielte ich mich langsam weniger und v.a. gesund essen. Für mich: Joghurt und Obst. Ab und zu Knäcke. Aber im Moment der Frustration will man davon nichts wissen. Man will ein dürres Wesen sein und zwar pronto! Leider funktioniert es nicht so. Das Geduldspiel geht damit in die erste Runde. Ich weiß nicht, wie es diesmal laufen wird, ich weiß nur, dass ich 45 nicht mehr haben mag, egal mit welcher Stelle nach dem Komma. Ich werde mich bis 42 quälen, jeden Tag Bauchschmerzen haben und mich fragen, wie 3 kg weniger einen Menschen so quälen können. Ich werde müde und hungrig sein und mit mir selbst über ein Stückchen Schokolade diskutieren. Und warum? Ich weiß es auch nicht. Ich will nicht so sein. 45, das ist eine Zahl für Menschen, die bei Größe S enganliegende Hosen tragen. Größe S muss Platz haben. 45er Menschen haben Kleidergröße 34. Warum 34, wenn es 32 gibt? Und überhaupt: früher habe ich in der Kinderabteilung eingekauf! Gemeinheit. 

"Ironie" is the key, not haemoglobin!

19.3.09 01:03


Hungrig in den Nachmittag...

Gewicht: 45,2 kg
BMI: 17,7

Alles über 17 ist potentielles Normalgewicht. 17 war schon immer da, 17 besteht auf ihrem Recht, zu bleiben und fügt noch hinzu, dass 18 möglich wäre. Das gesunde Ideal. Wenn ich diese Zahl lese, wird mir übel. Merkwürdiges Gefühl. Nicht Wut oder ähnliches, ich finde sie einfach absurd. Mit einem 18er BMI wiege ich 47 kg. Das ist mein Höchstgewicht. Pardon: war. Zum Glück. Denn mit 47 kg passt mir keine einzige meiner Hosen. Keine. Ich ziehe sie an, es entstehen Druckstellen am Becken und Bauch. Nicht etwa, weil diese Stellen so grauenhaft knochig sind, wie es sich manche bei einem so abnormal dünnen Menschen vorstellen mögen... nein, sondern weil 47 für einen Menschen mit meiner Größe und meinen Proportionen mehr als Genug ist.

Dies ist mein Plädoyer gegen den BMI, die Grenzen und die falschen Verdächtigungen. 50 kg bei 1,60 ist nicht dünn. Es ist auch nicht sehr schlank, es ist normal. Nicht mehr und nicht weniger. Mit 50 kg sieht man vielleicht die Schlüsselbeine, aber diese Knochen sind prominent bei jedem Menschen, den ich kenn, selbst mit 160 kg erkennt man sie noch, denn bekanntlich setzt man das Fett nicht zuerst am Halse an... 

47 bedeutet, dass ich einen kleinen Babybauch bekomme, nicht etwa, wie durch die Krankenkassen und Kollegen propagiert, ein großes Loch in der Magengegend. 47 heißt, morgens mit geschwollenem Gesicht aufzuwachen, selbst wenn der Morgen erst gegen 12 beginnt. Es bedeutet, mit den Oberschenkeln vor dem Spiegel das Oberteil der Flosse von Arielle bilden zu können. Es ist einfach unerträglich.

BMI 18 ist normal. BMI 18,5 ist normal. BMI 17 aber auch. Unter 18,5 ist man nicht abgemagert, zu dünn und schon gleich gar nicht anorektisch. Im Gegenteil: gerade bei kleinen Menschen fehlt der Bezug des BMI zur Körpergröße und Proportion zusehends, wie führende Ecotrophologen auf Anfrage gern bestätigen ;-) Ich habe dazu Kindertabellen zu Rate gezogen. Sie liefern ein wesentlich sinnvolleres Ergebnis für die BMI-Werte kleiner Menschen (unter 1,62). Allerdings berücksichtigen sie natürlich nicht das Erwachsenenalter.

Übrigens zur Information: Es gibt Menschen, die dünn sind und NICHT magersüchtig. Die Medien vermitteln meiner Meinung nach ein Bild des Terrors durch Anorektiker. Überall auf der Welt vereinigen diese widerlichen Kreaturen sich in Scharen zu Pro Ana Sekten und stacheln sich zum Hungern an. Gemeinsam braten sie Wattebäuschchen und Makeup-Pads... Echt wahr! Ekelhaft ist das!

Wer das tut, ist aber nun dank der Medien nicht mehr krank, sondern böööse. Es gibt nun ja Pro Ana, die Erklärung für alles. Klar, dass ich anonym Alkoholiker sein kann, aber wenn ich über meinen Hunger sprechen will, ohne von Magersucht-online zensiert zu werden, komme ich in die Bild-Zeitung. Ist doch logisch, wo Anorexie viel tödlicher ist als jede andere Krankheit auf der Welt, zumal zu ihren Todeszahlen stets vollkommen korrekte und aussagekräftige Statistiken vorliegen ;-) Wie auch immer. Jedenfalls komme ich nun zum Ende, ich muss los....

Die Medien vermitteln das Bild der todesgeilen Hungerhaken, frei von Krankheitseinsicht, Moral und Geschmack. Ich möchte doch an dieser Stelle daran erinnern, dass es ein echter Grenzgang ist, an jeder Ecke an die Magersucht zu erinnern. Nicht jeder Mensch, der auf einer Parkbank liegt, ist ein Obdachloser. Man muss doch differenzieren können, warum er es tut. Vielleicht scheint dort die Sonne. Vielleicht gibt es Menschen, die sehr dünn, aber nicht magersüchtig sind. Leptosome heißen die ;-) Vielleicht gibt es aber auch solche, die hungern, aber nicht sterben wollen, die darüber nachdenken, warum sie es tun und was es für sie bedeutet. Vielleicht ist dieses Thema zu groß, um es in einem einzigen Eintrag zu bearbeiten, aber ich möchte doch daran erinnern, dass es vielleicht ein klitzekleines bisschen in diese Richtung gehen könnte...

25.3.09 16:15


Fressanfall - gewusst wie!

Achtung! Diese Seite befasst sich auf sehr ironische und sehr kritische (persönliche) Weise mit den Thema Essstörungen.

Der oder die so genannte FA.

Heimtückischer Einbruch der Selbstkontrolle, tritt vorwiegend nach der Heimkehr von Arbeit oder Schule, nachts oder nach längerer Hungerphase auf. Kann in Mehrfachfolgen erscheinen.

FAs. Der Alptraum jedes Hungernden. Man isst weniger, wenig oder nicht und nimmt ab. Man hat das Gefühl, kein Essen zu brauchen, genießt es, lebt weiter und gewöhnt sich an die Leere im Magen. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem man die Kontrolle verliert. Eine Süßigkeit aus Kindertagen, emotionaler Ärger, Wut, Hass, Verlust oder einfach Langeweile erscheinen plötzlich auf der Bildfläche und versauen den Tag durch ihre kreative Umsetzung in Essen.

Dabei sind der Phanthasie keine Grenzen gesetzt: Fast Food, teure Delikatessen, Butter-Arrangements, Schokoladenfondue, gebackener Käse, widerliche fetttriefende Speisen aller Art, die man im "normalen" Anorektiker-Alltag nicht anrühren würde. Sie erzeugen Angst, Ekel und zum Teil sogar Übelkeit. Man hält sich also von ihnen fern. Einige Mythen aus der Literatur verbreiten sogar das Gerücht, dass es Anorektiker gäbe, die nie FAs haben.

Ich halte das für eine Fehleinschätzung. Die FAs sind anders. Weniger umfangreich, oder über eine längere Zeiteinheit erschreckt. Also nicht 5 Tafeln Schokolade in 10 Minuten, sondern 1 Tafel in 2 Stunden. Dies wird jedoch dennoch als krasser Kontrollverlust empfunden. Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben 2 Jahre keinen Zucker gegessen und auf einmal fangen sie an, Würfelzucker zu lutschen. Vielleicht nur 5 Stück, aber es wird eine grenzwertige Erfahrung sein. Oder auch nicht. Ehrlich: keine Ahnung, wie sich normale Menschen fühlen. Ich würde nämlich lieber 1 Tag lang Bauchweh haben, statt puren Zucker zu verzehren. Igitt. Abgesehen davon habe ich eh meistens Magenschmerzen, damit wäre die Gerechtigkeit schon von vorneherein hergestellt ;-)

However: die FAs sehr konsequenter Magersüchtiger kann man nicht vergleichen mit denen von Binge Eatern oder Bulimikern. Der moderne Begriff der Bulimarektiker gibt denen, die einmal dünn waren und jetzt von den FAs nicht mehr los kommen, sei es über kurze oder lange Zeit, sowie den Anorektikern, die zwar ihr Gewicht nahezu dauerhaft halten, aber öfter Einbrüche der Konsequenz erleiden, einen Namen.

Schreckliches Wort. 

Und? Worauf kommt es bei so einem richtig fetten FA an?
10 Kriterien zum Fressen.

  1. Hauptsache fett!
  2. Zuckerhaltig! Möglichst kristallin.
  3. Schnell verzehrbar.
  4. Geschmacksintensiv, evlt. glutamathaltig. Fett ist ein Geschmacksträger!
  5. Interessante Konsistenz. Führt dazu, dass man mehr isst, als z.B. von einem Mousse des gleichen Geschmacks. 
  6. Kontrastreiche Geschmacksrichtungen. Immer mehrere Lebensmittelformen mit versch. Geschmack kaufen.
  7. Teuer. (Stil hat seinen Preis)
  8. Leicht zu transportieren (ist günstig, führt dazu, dass man auch unterwegs mehr fressen kann, z.B. Fast Food)
  9. Wenig Sättigungsgefühl: je minderwertiger, desto besser. Wenn es sättigt, könnte der FA vorzeitig beendet werden, weil nichts mehr hineingeht.
  10. Leicht zu erbrechen.

 

So.

Ich denke, Sie haben nun einen kleinen Einblick gewonnen.

PS: ein FA unter 30 Euro ist ein No Go!

25.3.09 18:34